Diskutieren, abwägen, weiterdenken: Das Urban Living Lab „Zirkuläres Bauen Wien“

© Stadt Wien / MD-BD, Sandra Pehofer

Zirkuläres Planen und Bauen folgt drei grundlegenden Prinzipien: weniger Rohstoffe verbrauchen, Gebautes länger nutzen, Materialien wiederverwenden. Damit einher gehen Aspekte wie die Verwendung von kreislauffähigen Materialien, Einsatz trennbarer Verbindungen, flexible Gebäudenutzung nach sich ändernden Bedürfnissen, Wissen um Qualität und Mengen verbauter Materialien und wo sie zu finden sind, gut zugängliche Haustechnik oder Reparaturfähigkeit – um nur einige zu nennen. Doch wie kann zirkuläres Planen und Bauen in der Praxis funktionieren? 

Mit dieser Frage beschäftigte sich in den vergangenen zwei Jahren das Urban Living Lab „Zirkuläres Bauen Wien“. Als sogenanntes Reallabor brachte es über 260 Akteur*innen aus Verwaltung, Wissenschaft und Praxis zusammen, um Aspekte der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen zu diskutieren und gemeinsam zu bearbeiten. Im Mittelpunkt stand nicht die Entwicklung einzelner technischer Lösungen, sondern die Auseinandersetzung mit Prozessen, Denkweisen und Rahmenbedingungen für zirkuläres Bauen entlang des gesamten Gebäudelebenszyklus – von Planung und Bau über Nutzung und Sanierung bis hin zu Rückbau und Wiederverwendung. Als Teil des Stadt-Wien-Programms DoTank Circular City Wien 2020–2030, das den Übergang zur zirkulär gebauten Stadt steuert, war das Lab transdisziplinär, ko-kreativ und bewusst ergebnisoffen angelegt.

Urban Living Lab – die Methode…

Ein Urban Living Lab (auch Reallabor genannt) ist ein partizipatives Werkzeug zur Unterstützung komplexer Innovationsprozesse. Insbesondere in den letzten Jahren haben sich Urban Living Labs als erfolgsversprechende Methode bei der Bearbeitung damit einhergehender Fragestellungen herauskristallisiert. Sie werden eingesetzt, um nachhaltige, städtische Transformationsprozesse (wie den Paradigmenwechsel zur Kreislaufwirtschaft im Bauwesen) voranzutreiben. Dabei verbinden Urban Living Labs oftmals technische und soziale Innovationen, unterstützen neue Lösungswege für Prozesse und stellen Bedürfnisse der Bürger*innen in den Vordergrund. Stadtverwaltungen profitieren von der Kooperation mit vielfältigen Stakeholder*innengruppen und können durch den erweiterten Personenkreis das intellektuelle, kreative und soziale Potential einer Stadt bestmöglich nutzen, um gemeinsam innovative Lösungsansätze zu erarbeiten. Urban Living Labs bieten dabei den notwendigen Rahmen und Raum, engagierte Personen in den Prozess einzubinden und sind dabei nicht zwingend ein örtliches Labor. Das Besondere an der Methode ist der gesamtheitliche, iterative und partizipative Ansatz: Die Formate eines Urban Living Labs bauen inhaltlich und methodisch aufeinander auf – als Prozess, der Wissen verknüpft, Erfahrungen bündelt und Innovation ermöglicht.

…und ihre Anwendung

Einblick in die Workshop-Reihe „Praxis-Checks“ © Andreas Neureiter im Auftrag von MIA GmbH, 2025

In vier themenspezifischen Praxis-Checks diskutierten rund 110 Expert*innen zentrale Fragen zu Vision, Status quo und notwendigen Veränderungen auf dem Weg von einer linearen zu einer zirkulären Bauweise. Dabei zeigte sich immer wieder: Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ist weit mehr als eine technische Herausforderung. Sie verlangt neue Formen der Zusammenarbeit, Transparenz und eine Kultur des gemeinsamen Lernens. Identifizierte Schlüsselaspekte für eine erfolgreiche Transformation hin zu einem kreislauffähigen Bauwesen waren unter anderem: Zirkularität ist nicht nachrüstbar – das heißt, sie muss bereits im Planungsprozess integriert sein. Wiederverwendung (Re-Use) von Materialien ist weiterhin eine Herausforderung. Materialverbrauch und Emissionen müssen als zwei Seiten einer Medaille betrachtet werden, ebenso wie der Gebäudebestand als Ressource zu sehen ist. Und auch die sozialen Aspekte müssen immer mitgedacht werden, denn letztlich ergibt sich die Langlebigkeit von Gebäuden aus einer bedürfnisorientierten Nutzung.

Die „Circular Natives“ zeigten auf eindrucksvolle Art, wie sie zirkuläre Aspekte in ihre Projekte und Entwürfe integriert hatten © Stadt Wien, MD-BD, Sandra Pehofer

Von der Diskussion zum Experiment

Rund 50 Studierende der Technischen Universität Wien und der Universität für angewandte Kunst Wien haben die beschriebenen Schlüsselaspekte aufgegriffen und in einer Experimentierphase am Gelände des Stadtentwicklungsgebiets Nordwestbahnhof in drei Testfeldern vertieft:

Wie die Bereitschaft zum Teilen stärken?
Social Circular City – Christina Schraml, Social Design, Universität für angewandte Kunst Wien

Während technische Lösungen oder der regulatorische Rahmen intensiv diskutiert werden, bleiben sozio-ökonomische Überlegungen oft unbeachtet. Die Studierenden setzten in ihrem Experiment bewusst paradoxe Interventionen und schafften es damit, Impulse für die Aktivierung sozialer Netzwerke zu setzen. Persönliche Gegenstände von Bewohner*innen wurden eingebracht, geteilt und zum gemeinschaftlichen Nutzen verwendet. So entstanden ein Superventilator aus Kleinventilatoren oder ein Sonnensegel aus Geschirrtüchern für den überhitzten Innenhof. Die Einbindung der Bewohner*innen und das gemeinschaftliche Teilen wird zum fixen Bestandteil einer Social Circular City.

Wie Kreisläufe schließen und Nutzungsflexibilität sicherstellen?
Wandelbares Haus – Ines Nizic, Hochbau und Entwerfen, TU Wien
NWB.16 R – Kai Merkert, Hochbau und Entwerfen, TU Wien

Bei diesem Experiment standen die Nutzungsoffenheit, Wiederverwendung von Bauteilen und Ökobilanzierung im Mittelpunkt. Auf Basis eines realen Bauplatzes am Nordwestbahnhof wurde ein Wandelbares Haus unter Anwendung zirkulärer Prinzipien und fiktivem Einsatz von Bauteilen aus Industriehallen entworfen. Digitale Werkzeuge wurden eingesetzt und die Szenarien des zirkulären Bauens für die Entwürfe vergleichbar gemacht. Der Anspruch der Wiederverwendung wurde damit zur gestalterischen Stärke gemacht.

Wie den Bestand zirkulär weiterentwickeln?

Retrofit Quartier 3 – Andreas Hofer und Wolfgang Gerlich, Städtebau und Entwerfen, TU Wien (in Zusammenarbeit mit Wiener Wohnen)

Die Transformation von Nachkriegs-Gemeindebauten erfordert weit mehr als rein technische oder bauliche Eingriffe. Das Experiment widmete sich der Frage, wie bestehende Wohnanlagen durch gezielte Nachrüstungen klimaresilient, ressourcenschonend und sozial tragfähig weiterentwickelt werden können. Der Begriff „Retrofitting“ bzw. „Retrofit“ steht dabei nicht nur für die Nachrüstung eines singulären oder mehrerer Gebäude. Er inkludiert die Aufwertung des umliegenden urbanen Raums, der Freiflächen sowie die Nachrüstung der sozialen und ökologischen Infrastrukturen. Die vorhandenen Strukturen werden so weit wie möglich beibehalten, die Prozesse sind partizipativ angelegt. Die Studierenden zeigten in ihren Projekten, wie Kreislaufwirtschaft, soziale Teilhabe und architektonische Erneuerung zusammengedacht werden können. So entstanden Impulse, die nicht nur die physische Struktur der Gemeindebauten verbessern können, sondern auch neue Netzwerke im Quartier aktivieren.

Im Verlauf der Experimente zeigte sich deutlich, dass viele Fragestellungen des zirkulären Bauens über die Projektebene hinausreichen und systemische sowie institutionelle Veränderungen erfordern. Durch gezielte Round Table Diskussionsrunden – die Machbarkeits-Checks – mit Multiplikator*innen und Akteur*innen rahmensetzender Institutionen konnten Handlungsempfehlungen an die entsprechenden Stellen transportiert werden.

Im Mittelpunkt der Abschlussveranstaltung standen nicht nur Rückblick und Bilanz, sondern vielmehr die Frage, wie die gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis überführt und strukturell verankert werden können. © Stadt Wien, MD-BD, Sandra Pehofer

Die Langzeit-Wirkung

Das Urban Living Lab hat deutlich gemacht, wie wichtig experimentelle Räume für die urbane Transformation sind. Sie ermöglichen es, gemeinsam Fragen zu stellen, Annahmen zu prüfen, Testungen in einem geschützten Rahmen durchzuführen, Perspektiven zu wechseln und Arbeitsweisen weiterzuentwickeln. Und sie schaffen Vertrauen – eine Voraussetzung, ohne die keine systemische Veränderung gelingt. Die Transformation hin zum zirkulären Bauen ist ein langfristiger Prozess, den es Schritt für Schritt zu gehen gilt. Das Lab zeigte auf, dass Wien über starke Netzwerke, eine robuste Wissensbasis und eine Kultur der Kooperation verfügt. Das Projekt mag abgeschlossen sein – seine Wirkung reicht weit darüber hinaus: Es gilt, Erkenntnisse weiterzudenken, offene Punkte zu vertiefen und gemeinsam an den Lösungen zu arbeiten, die eine kreislauffähige Bauweise in Wien Realität werden lassen.

Das Projekt wurde im Rahmen des DoTanks Circular City Wien 2020-2030 (DTCC30) initiiert. Es wurde aus Mitteln des internen Innovationsmanagements der Stadt Wien, abgewickelt durch die Abteilung Wirtschaft, Arbeit und Statistik (MA 23), finanziell unterstützt. Das Unternehmen MIA GmbH (Metropolitan Innovation Action) wurde für die Konzeption, methodisch-inhaltliche Gestaltung und die Durchführung des Urban Living Labs und die UIV (Urban Innovation Vienna GmbH) für die Entwicklung begleitender Kommunikationsprodukte seitens der Stadt Wien (Magistratsdirektion – Geschäftsbereich Bauten und Technik) beauftragt.


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Weiterführende Informationen und Projekt-Publikation zum Download unter: https://viecycle.wien.gv.at/urban-living-lab