Gemma Zukunft: Die Programmleitung im Interview

Gemma Zukunft gibt Einblicke in die Planung einer Stadt – aber wie plant man eigentlich Gemma Zukunft? Die Programmleitung gewährt im Interview einen Blick hinter die Kulissen des Spaziergangsprogramms und erzählt von den Saison‑Highlights, Überraschungen und warum die Winterpause bei Gemma Zukunft eigentlich keine Pause ist.

Die neue Saison 2026 hat gerade begonnen. Worauf dürfen sich die Teilnehmer*innen heuer freuen?

Barbara Slotta: Na auf einen super Mix aus neuen und altbekannten Touren. Wir haben auch rund um den ESC ein paar musikalische Touren, das ist sehr lustvoll und macht Laune, die Stadt mit neuen Augen zu erleben. Prinzipiell ist das Programm wieder gewachsen und noch runder geworden.

Christina Lengauer: Wir haben in diesem Jahr versucht, auch Aspekte einer „Stadt der Zukunft“ erfahrbar zu machen, die im Hintergrund die Fäden ziehen und die Stadt am Laufen halten. Ein heißer Tipp für Logistik-Interessierte ist hier sicherlich die Post-Tour, die uns in die Tiefen der Zustellbasis der Post in der Inneren Stadt führt. Ebenfalls praxisnahe Einblicke erhalten Interessierte bei „On Tour mit der Baupolizei“ – der Spaziergang führt durch ein ganzes Stadtentwicklungsgebiet zu mehreren Ausbaustufen der Großbaustelle „Oberes Hausfeld“. Teilnehmer*innen versetzen sich in die Rolle von Werkmeistern und Referenten und erfahren hautnah, wie diese bewilligen und kontrollieren.

Sofia Gassner von der Programmleitung Gemma Zukunft hält einen Stadtplan hoch.

Sofia Gassner von der Programmleitung hat bei der Planung der Touren die gesamte Stadt im Blick.

Was passiert alles rund um den ESC?

Sofia Gassner: Wenn man an den ESC denkt, ist Stadtentwicklung wahrscheinlich nicht die erste Assoziation, die man hat. Wir wagen trotzdem diesen Spagat. Es wird einige Touren geben, die einen unkonventionelleren Zugang haben. Dazu gehört eine Silent Walking Disco, performative Guerillawalks, genauso wie eine Spezialführung über den Zentralfriedhof, zu „musikalischen“ Gräbern.  Ein Highlight ist für mich auch die Tour „United by Music“, bei der Wiens Rolle als Austragungsort thematisiert wird, in Kombination mit ESC-Geschichte und Fakten zum öffentlichen Raum.

Barbara Slotta: Am 9.Mai gibt es außerdem ein Baulückenkonzert am Nordwestbahnhof. Bevor dort 2027 ein neuer Stadtteil entsteht, wird der alte Frachtenbahnhof nochmal zur Bühne. Zwischennutzungen sind ja ein großes Thema in der Stadtentwicklung – wir nehmen den ESC da quasi als Brücke. Rund um das Konzert wird es auch einige Touren geben, die im Areal stattfinden und die Verwandlung deutlich machen, die da bevorsteht oder teilweise schon stattfindet.

Wie können wir uns die Programmierung einer Saison vorstellen? Was passiert bei Euch während der Winterpause, in der ja traditionell keine Spaziergänge stattfinden?

Christina Lengauer: Die Touren finden von April bis Ende Oktober statt, danach wird es zu kalt und auch zu früh dunkel zum Spazierengehen. Uns selbst taugt die Winterpause zur Evaluierung, d.h. wir schauen uns die Zahlen aus der vergangenen Saison an: Wie viele Leute haben teilgenommen, welche Spaziergänge und Fahrradtouren kamen besonders gut an, welche Themen sind gefragt? Wir haben auch einen Fragebogen, den Teilnehmer*innen ausfüllen können – das ist enorm wichtig für uns, weil wir so wissen, wo wir noch besser werden können. Manche Teilnehmer*innen nennen uns auch ganz konkrete Orte oder Themen, zu denen sie sich eine Tour wünschen. Das sind also auch Ausgangspunkte für die neue Planung der neuen Saison.

Sofia Gassner: Wir setzen uns auch jedes Jahr im November mit unseren Guides zusammen und fragen explizit nach ihrer Erfahrung. Was brauchen sie, um die Touren noch besser durchführen zu können? Wo können wir sie unterstützen und welche Themen oder Projekte stehen bei ihnen gerade an? Rund die Hälfte unserer Guides kommt aus dem Magistrat, das sind also Mitarbeiter*innen aus den Dienststellen. Da zeichnet sich ja auch oft schon im Vorhinein ab, welches Projekt, welche Baustelle oder welche Planung im kommenden Jahr herzeigbar ist.

Barbara Slotta: Ab Mitte Jänner geht es dann ans Eingemachte. Wir schreiben Dienststellen und unsere externen Partner*innen an, ab Anfang / Mitte Februar trudeln die ersten Touren ein und der Kalender füllt sich. Ab da geht dann alles ganz schnell, Mitte März sollen ja die ersten Touren online sein.

Aufmerksame Gemma Zukunft-Ultras werden es bemerkt haben: Die selbst verordnete Winterruhe wurde heuer durch drei geführte Touren durchs Wien Museum gebrochen. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Sofia Gassner: Wir bieten schon seit letztem Jahr Touren in unmittelbarer Nähe des Wien Museums an. Dazu zählt zum Beispiel die Tour „Win win im Vierten“. Dabei ging es darum, wie der Ausbau des Wien Museums und die verbesserte Radinfrastruktur Richtung Süden positive Veränderungen im öffentlichen Raum bewirkt haben. Wir haben auch eine Radtour, bei der die Argentinierstraße befahren und die Hintergründe der Planung vorgestellt werden. Von dort war der Sprung ins Wien Museum nicht mehr weit.

Barbara Slotta von der Programmleitung erzählt Teilnehmenden, was an den Touren besonders ist und was noch am Programm steht.

Barbara Slotta repräsentiert Gemma Zukunft bei den Touren vor Ort und rührt die Werbetrommel für all die tollen Touren im Programm.

Barbara Slotta: Wie es der Zufall wollte, arbeitete das Wien Museum gegen Ende der Saison 2025 an der Führung „Stadt in Arbeit – Der große Umbau Wiens im 19. Jahrhundert und seine Folgen“. Wie bei unseren Gemma Zukunft‑Touren üblich, ging es auch bei dieser Führung um die Zukunft der Stadt – nur eben aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts. Einige dieser damaligen Visionen prägen unsere Stadt bis heute, zum Beispiel die Wiener Hochquellwasserleitung oder der Bau der Ringstraße. Für mich hat diese indoor-Tour noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig es ist, eine Vision für die Stadt zu haben; davon profitieren auch künftige Generationen.

Wisst Ihr von Anfang an, welche Abteilungen, Themen oder Touren Ihr in der kommenden Saison unterbringen wollt?

Barbara Slotta: Wir haben eine ungefähre Ahnung; viele Projekte – wie etwa ein Stadtentwicklungsgebiet, eine neue Straßenbahnlinie oder größere Umgestaltungen – passieren ja nicht über Nacht. Das heißt, diese Themen und Orte kündigen sich schon lange im Voraus an. Gleichzeitig wissen wir aber nicht über alles Bescheid, was sich in der Stadt tut. Daher gibt es dann auch Kooperationen, die ganz plötzlich entstehen. Das war beim Otto Wagner Areal der Fall: Wir haben bei einer Veranstaltung von den Planungen erfahren, sind sofort auf die Vortragenden zugegangen und haben gesagt: „Wir wollen Euch im Programm!“ Dann ging alles ganz schnell. Mit manchen Abteilungen stehen wir schon seit längerem in Kontakt, oft gibt es da aber auch Ressourcenthemen. Die Guides, die dann eine Tour anbieten, müssen sich ja auch erstmal finden bzw. die Zeit dafür finden. Dann freuen wir uns umso mehr, wenn eine Tour nach längeren Gesprächen endlich ihren Weg ins Programm findet.

Was ist Euer Highlight der Saison 2026?

Sofia Gassner: Im Endeffekt haben wir nur Highlights, da fällt es schwer, einzelne Touren besonders vor den Vorhang zu holen. Manche Touren haben wir schon seit Jahren im Programm und wir selbst haben es immer noch nicht geschafft, teilzunehmen. Ein Beispiel dafür wäre der Hafen. Es ist auch einfach ein nicht ganz zentraler Ort, es dauert, bis man dort ist. Diejenigen von uns, die die Tour bereits gemacht haben, waren ganz begeistert. Das steht also jedenfalls noch auf meiner Liste.

Barbara Slotta: Ich freue mich auf die Tour der Baupolizei und bin total gespannt, was die Kolleg*innen uns erzählen. Wir lernen ja selbst bei diesen Spaziergängen dazu.

Sofia Gassner: Was ich an Gemma Zukunft so großartig finde, ist die Tatsache, dass man altbekannte Orte und deren Gestaltung mit neuen Augen sehen kann. Deswegen sind für mich die Spaziergänge und Radtouren in der Bestandsstadt auch immer ein Highlight. In diesem Jahr finde ich zum Beispiel die Tour mit >Wien Leuchtet< – der zuständigen Magistratsabteilung für Beleuchtung – superspannend. Damit habe ich mich, vermutlich wie die meisten Leute, noch nicht im Detail befasst. Gleichzeitig find ich es sehr interessant zu hinterfragen, was es heißt eine Großstadt zu beleuchten. Es ist oft so, dass man in der Stadt unterwegs ist und von A nach B rennt, und solche Dinge nicht hinterfragt. Im Alltag ist der Weg dazwischen oft Mittel zum Zweck. Bei Gemma Zukunft gilt wirklich: der Weg ist das Ziel. Dieses bewusste Wahrnehmen und Verstehen von Orten und deren Funktion im Lebensraum Stadt, das macht für mich das Spaziergangsprogramm auch aus.

Gemma Zukunft gibt es jetzt bereits im fünften Jahr. Ist das eine Überraschung für Euch?

Christina Lengauer von der Programmleitung mit Print-Produkten und Rucksack bei einer Tour.

Christina Lengauer hat Merch dabei und zeigt Interessierten, wo sie nähere Infos zu Gemma Zukunft finden können.

Christina Lengauer: Ja und nein. Überraschend ist das Wachstum. Wir haben mit wirklich wenigen Touren und auch einem 0-Budget im Jahr 2022 begonnen. Da war Gemma Zukunft eigentlich nur der Versuch, ohne große Auflagen und Infektionsrisiko Veranstaltungen zur Stadtentwicklung zu machen. Im vergangenen Jahr hatten wir über 2.000 Teilnehmer*innen und an die 120 Touren. Das ist sehr viel und aber auch sehr sehr schön. Ein tolles Kompliment an die Stadt, dass es ein so großes Interesse von Seiten der Bevölkerung gibt.

Barbara Slotta: Aus Abteilungssicht sind diese Spaziergänge eine Low Hanging Fruit: Mitarbeiter*innen zeigen, was sie machen. Die Vision der Stadt wird für alle greifbar. Deshalb ist es uns auch ganz wichtig, dass die Touren kostenlos sind. Was ich so genial an der Entstehungsgeschichte von Gemma Zukunft finde, ist die Tatsache, dass wir in der Pandemie nach einem Werkzeug bzw. einer Lösung gesucht haben, um wieder handlungsfähig zu sein. Darum ging es ja eigentlich in der Pandemie. Man wollte sich selbst wieder als handlungsfähiges Subjekt erleben. Und weil diese Situation einer Pandemie so neu war, hat man zwangsläufig gedacht, dass es auch ein neues Werkzeug braucht, um diese Situation aufzulösen. Der Spaziergang ist allerdings alles andere als neu. Das ist für mich ein schöner Beweis dafür, dass es nicht immer neue Lösungen braucht. Manchmal reicht auch ein Blick in den Werkzeugkoffer und etwas Altbekanntes kann mit neuem Schwung Wunder bewirken. Wir hätten jedenfalls nicht gedacht, dass ein Nischenprogramm – nämlich ein Spaziergangsprogramm zu Themen der Stadtentwicklung – auf so eine Resonanz stößt.

Gemma Zukunft wird Jahr für Jahr größer. Angefangen habt Ihr mit circa 34 Touren, in der heurigen Saison rechnet Ihr mit circa 150 Touren. Wie viel Wachstum verträgt eine Organisation?

Sofia Gassner: Das haben wir uns auch schon gefragt und ich glaube, diese Entwicklung war wichtig für das Programm. Als Programmleitung lernen wir laufend dazu: was gut funktioniert, welche Themen noch fehlen und wo Handlungsbedarf besteht. Deshalb sind die Winterpause und unsere Evaluation so wichtig. Unsere Erfahrung zeigt, dass wir nicht im gleichen Umfang weiterwachsen können wie bisher. Mit der aktuellen Anzahl an Touren lässt sich der Facettenreichtum der Stadtentwicklung gut darstellen. Unser Anspruch ist, allen einen Zugang zum Thema zu ermöglichen und so das Interesse an der Zukunft der Stadt zu wecken bzw. zu vertiefen. Ich bin überzeugt, dass wir das mit dem heurigen Angebot auch wieder gut vermitteln können.

Christina Lengauer: Jetzt sind wir eher an dem Punkt, dass wir bspw. die Frage der Barrierefreiheit genauer unter die Lupe nehmen. Wie können wir ein optimales Erleben für alle ermöglichen? Was braucht es, damit wir wirklich auch jene erreichen, die nicht schon bei zig Spaziergängen dabei waren, sondern die vielleicht auch zum ersten Mal etwas von Stadtentwicklung hören, sich ggf. nicht trauen, Fragen zu stellen. Stadtentwicklung ist etwas sehr akademisches, das haben wir auch gemerkt. Akademische Podien haben ihre Berechtigung, aber wenn es um die Stadt der Zukunft geht, müssen wir alle erreichen.

Was wünscht Ihr dem Programm?

Christina Lengauer: Wir wünschen uns weiterhin so interessierte Teilnehmer*innen, sowohl treue Begleiter*innen als auch neue Gesichter – die Millennials wollen wir heuer einfangen. Vielleicht gelingt das mit unseren ESC „Glitzer-Events“ oder den Touren zur Radwegoffensive. Das Tolle ist, dass unsere langjährigen Guides sich auch nicht ausruhen auf beliebten Themen und etwa immer dieselbe Tour abspulen. Ganz im Gegenteil: „Wien Leuchtet“ machen eine neue Route durch den 1. Bezirk, immer an den aktuellsten Modernisierungsmaßnahmen bei Beleuchtungsanlagen dran; Architekturpublizistin Franziska Leeb bringt zu ihren Touren zum Wien-Plan jedes Jahr die neuesten Infos und Meinungen zu den besuchten Orten im Spannungsverhältnis mit historisch gewachsenen Begriffen wie etwa „Beserlpark“ mit; die Radwegeplaner fahren mit uns jedes Jahr zu den neuesten fertiggestellten Routen – heuer in die Donaustadt, nach Floridsdorf und in den Westen. Mehr kann ich mir nicht wünschen.

Barbara Slotta: Die Qualität zu halten, wird die große Aufgabe sein und das ist etwas Schönes, worauf ich mich freue. Wir haben wirklich tolle Guides – sowohl intern als auch extern. Da ist eine große Neugierde und ein Spaß an der Begegnung bei den Touren selbst. Wenn es uns gelingt, das auch ins Jahr 6 und 7 mitzutragen, dann wäre ich persönlich sehr zufrieden.

Sofia Gassner: Eigentlich kann ich dem Programm nur wünschen, dass es weiterhin so läuft, wie bisher: es soll ein spannender Austausch auf Augenhöhe bleiben, bei dem man die Stadt aus einer neuen Perspektive entdecken kann. Gemma!

 

(c) der Bilder: Stadt Wien/Luiza Puiu