Vom Betriebsgebiet zum Stadtquartier: Die Muthgasse als Labor der Bestandstransformation

Vom Betriebsgebiet zum Stadtquartier: Die Muthgasse als Labor der Bestandstransformation
Die Transformation bestehender Stadtstrukturen gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Stadtentwicklung. Das Stadtquartier Muthgasse in Wien-Döbling zeigt exemplarisch, unter welchen realen Bedingungen dieser Wandel gelingt – und wo die Herausforderungen liegen.
Ausgangslage: Hohe Lagegunst, geringe Qualität
Das Gebiet zwischen Donaukanal und Karl-Marx-Hof war lange durch eine heterogene betriebliche Struktur geprägt: Bürobauten und Gewerbehallen, Brachen und ein öffentlicher Raum, der primär als Kfz-Abstellfläche diente.
Gleichzeitig weist der Standort eine außergewöhnlich hohe Lagegunst auf: Nähe zur Innenstadt, sehr gute öffentliche Anbindung sowie direkte Verbindungen zu übergeordneten Freiräumen wie Donaukanal und Wienerwald. Viele Unternehmen und die bisher wenigen Bewohner*innen wissen das seit Jahrzehnten zu schätzen.
Diese Diskrepanz bildet den Ausgangspunkt der Transformation.
Strategischer Rahmen: Mischung als Leitprinzip
Mit dem städtebaulichen Rahmenplan 2014 wurde die Grundlage für die Entwicklung eines gemischt genutzten Stadtquartiers geschaffen. Ziel ist eine funktionale und räumliche Verzahnung von Wohnen, Arbeiten und Freiraum bei gleichzeitiger Sicherung bestehender wirtschaftlicher Strukturen.
Die Integration von Wohnnutzung fungiert dabei als zentraler Entwicklungstreiber. Sie erhöht die Anforderungen an Freiraum, Infrastruktur und Umweltqualität – und zwingt damit zu einer grundlegenden Neuorganisation des Gebiets. Gleichzeitig bleiben bestehende Nutzungen erhalten, mit ihren eigenen Anforderungen und Logiken.
Diese Widersprüche aufzulösen ist keine einmalige planerische Aufgabe, sondern ein permanenter Aushandlungsprozess.
Umsetzung: Transformation unter realen Bedingungen
Die Transformation des Stadtquartiers Muthgasse erfolgt nicht in großen Entwicklungsschüben, sondern Schritt für Schritt. Jedes Projekt ist ein eigener Baustein – mit eigenen Rahmenbedingungen, eigenen Akteuren und eigenen Herausforderungen.
Ein Prinzip hat sich dabei als besonders wirksam erwiesen: die Verpflichtung, jedes Baufeld auch als Beitrag zum öffentlichen Raum zu verstehen. Freiräume werden mitgedacht, vernetzt und – wo möglich – öffentlich zugänglich gemacht.
Mixed-Use-Projekte wie „Lebensraum Muthgasse“ zeigen, wie dieser Ansatz konkret umgesetzt werden kann: Auf einem ehemaligen Parkplatz entstehen bis 2027 über 300 Wohnungen und ein Heim. Ergänzt wird das Angebot durch Gewerbeflächen sowie soziale Infrastruktur wie Kindergarten und Sporthalle. Ein öffentlich nutzbarer Grünraum durchzieht das Baufeld und schafft eine neue Wegeverbindung zur Nußdorfer Lände. Fassadenbegrünung, Gemeinschaftsterrassen und nachhaltige Energieversorgung (Erdwärme, Photovoltaik) tragen zur Verbesserung von Mikroklima und Klimabilanz bei.
Was Pläne nicht zeigen: die eigentlichen Herausforderungen
Ein wesentlicher Teil der Arbeit spielt sich abseits der sichtbaren Ergebnisse ab.
Heterogene Eigentumsverhältnisse erfordern langwierige Abstimmungen, noch bevor konkrete Planungen beginnen können. Wirtschaftliche Entwicklungen beeinflussen Zeitpläne oft stärker als planerische Überlegungen. Projekte verzögern sich, werden angepasst oder kommen vorübergehend ganz zum Stillstand.
Über die Jahre hat sich gezeigt: Die größte Herausforderung in der Bestandstransformation ist selten die planerische Idee. Es ist die Umsetzung unter realen Bedingungen.
Wenn Rückschritte zu Fortschritten werden
Ein prägendes Beispiel dafür ist der Leopold-Ungar-Platz.
Was lange Zeit ein unattraktiver Zwischenraum war, entwickelte sich zum zentralen Ort des Quartiers. Interessanterweise nicht trotz, sondern teilweise wegen Verzögerungen in der Projektentwicklung.
Diese Verzögerungen haben ermöglicht, Planungen zu überarbeiten und an neue Anforderungen anzupassen – insbesondere im Hinblick auf die Klimaanpassung. Mehr Bäume, mehr Grün, bessere Nutzbarkeit.
Mobilität: Daueraufgabe statt Einzelmaßnahme
Die Mobilität bleibt eine der zentralen Stellschrauben im Quartier.
Die Ausgangslage als autoorientiertes Betriebsgebiet wirkt bis heute nach. Gleichzeitig sind die Voraussetzungen für eine Mobilitätswende gut: eine hervorragende Anbindung an den öffentlichen Verkehr und erste Verbesserungen im Radverkehr.
Was sich jedoch klar zeigt: Infrastruktur allein reicht nicht. Es braucht Zeit, bis sich auch das Mobilitätsverhalten verändert.Und es braucht Ressourcen. Gerade größere Eingriffe in den Straßenraum stoßen schnell an finanzielle und technische Grenzen – insbesondere im Bestand.
Fazit: Transformation ist kein linearer Prozess
Zwölf Jahre nach Beschluss des Städtebaulichen Rahmenplans 2014 hat sich das Gebiet sichtbar verändert – und steht gleichzeitig noch mitten im Prozess. Vieles dauert länger als gedacht. Manche Entwicklungen verlaufen anders als geplant. Und trotzdem: Die Richtung stimmt. Die Latte für die nächsten Projekte ist hoch gelegt.
Transformation verläuft nicht linear. Sie bewegt sich in Schleifen, mit Rückschritten und neuen Anläufen. Oft fühlt sich ein Schritt zurück wie ein Verlust an – stellt sich aber im Nachhinein als Voraussetzung für einen besseren nächsten Schritt heraus.
Blick nach vorne
Das Stadtquartier Muthgasse ist nicht fertig – und wird es auf absehbare Zeit auch nicht sein. Genau das ist ihre Realität als Bestandsgebiet.
Die kommenden Jahre werden zeigen, wie gut es gelingt, die gesetzten Ziele weiterzutragen: die Mischung zu sichern, den öffentlichen Raum aufzuwerten und die Mobilitätswende voranzubringen.
Die Grundlagen dafür sind gelegt. Was daraus entsteht, hängt – wie so oft in der Stadtentwicklung – nicht von einem einzelnen Akteur ab, sondern vom Zusammenspiel vieler.
Oder, anders formuliert:
Das Stadtquartier Muthgasse wird das, was wir gemeinsam daraus machen!
Autorin: DI Renate Kinzl, langjährige Koordinatorin des ehemaligen Zielgebiets Muthgasse, MA 21A
Das könnte Sie auch interessieren










